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18.12.2018

Innovationen in der Onkologie: Herausforderungen Patientenzugang und Finanzierung gemeinsam angehen

Bericht von der fünften Veranstaltung der Reihe „Academia meets Industry – Bridge the Gap“

Frankfurt - Die Fortschritte bei der Behandlung von Krebs sind rasant: Durch das zunehmende Verständnis der Tumorbiologie bieten sich für Forscher und pharmazeutische Unternehmen immer neue Ansätze zur Entwicklung innovativer Therapien. Doch diese stellen Ärzte, Patienten, die Unternehmen selbst und auch unser Gesundheitssystem vor gewaltige Herausforderungen – denn sie sind extrem komplex und kostenintensiv. In Frankfurt erörterten deshalb kürzlich Vertreter aller beteiligten Parteien, wie der Zugang der Patienten zu den neuen Hoffnungsträgern und ihre Finanzierung in Zukunft sichergestellt werden können.

Die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Gesundheitssektor und ihre Förderung haben in Hessen Tradition. Denn „die Fragestellungen sind so komplex, dass sie niemand allein lösen kann“, wie Dr. Stephan Hölz, Ministerialdirigent am Hessischen Ministerium für Soziales und Integration, betonte. Die Veranstaltung zu „Innovationen in der Onkologie“ fand in der Reihe „Academia meets Industry – Bridge the Gap“ der Initiative Gesundheitsindustrie Hessen statt. Diese gibt es bereits seit 2014 und hat mittlerweile laut Hölz in anderen Bundesländern sowie auf Bundesebene Nachahmer gefunden.

Wie Prof. Dr. Thomas Klingebiel, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Frankfurt, erläuterte, begann der Durchbruch in der Onkologie mit dem small molecule Imatinib. „Die kleinen Moleküle auf „ib“ und die monoklonalen Antikörper auf „mab“ haben die Therapielandschaft bei den malignen Erkrankungen zum Wohle der Patienten grundlegend verändert“, so Klingebiel. Durch Therapieoptimierungsstudien konnten besonders in der Kinderonkologie darüberhinaus beachtliche Erfolge erzielt werden.

Den Krebs enttarnen und bekämpfen

Zu den Meilensteinen der letzten Jahre zählen vor allem auch die Immun-Onkologika. Eigentlich gehört es zu den Aufgaben des Immunsystems, Tumore zu bekämpfen – doch die Krebszellen tarnen sich, um dem Angriff zu entgehen. „Wenn man mit der Immuntherapie die Immunzellen aktiviert bzw. Bremsen löst, dann kann das Immunsystem wieder gegen diese Zellen arbeiten“, erklärte Dr. Mark Sievert, Director Global Oncology Medical Affairs bei Sanofi-Aventis, das Wirkprinzip der Immun-Onkologika. Allerdings „greift man damit in ein sehr komplexes System ein“. Entsprechend schwierig vorherzusehen und schwer beherrschbar können die Nebenwirkungen sein. „Deshalb gehören diese Patienten an Zentren, wo sich die Ärzte und das Personal gut mit diesen Therapien auskennen“, so Sievert

Den neuesten Durchbruch in der Krebstherapie stellen die CAR-T-Zellen dar. „CAR-T-Zellen“ bringen uns dem Ziel, Krebs heilen zu können, ein gutes Stück näher“ brachte Dr. Mathias Muth, Head Oncology Care Management bei Novartis, die in diese Technologie gesetzten Hoffnungen auf den Punkt. Doch sie sind auch die bislang komplexeste Therapie: Dem Patienten werden Immunzellen entnommen, diese werden im Labor gentechnologisch so umprogrammiert, dass sie gegen die gewünschten Tumorzellen aktiv werden können; sodann werden sie dem Patienten, der in dieser Zeit eine Chemotherapie erhalten hat, per Infusion wieder zugeführt.

Seit August 2018 befinden sich zwei CAR-T-Zell-Produkte auf dem Markt.

Beide Präparate können bei Patienten mit bestimmten Blutkrebsarten eingesetzt werden, wenn bisher verfügbare Medikamente versagt haben. Als Beispiel für die Wirksamkeit präsentierte Muth Daten zu Kymriah®bei der akuten lymphatischen Leukämie: Hier waren in einer Studie ein Jahr nach der Therapie mit den CAR-T-Zellen 76 % der – mit bisherigen Medikamenten austherapierten – Patienten noch am Leben.

Doch die Behandlung birgt auch Risiken: So können CAR-T-Zellen gefährliche Nebenwirkungen verursachen, darunter das Zytokin-Release-Syndrom. Es liegt daher auf der Hand, dass diese Therapien nur in speziell dafür ausgestatteten Zentren stattfinden können. Doch „damit befinden wir uns in einem Spannungsfeld zwischen spezialisierten Behandlungszentren und möglichst flächendeckender Versorgung“, so Muth. Zudem müssten innovative und nachhaltige Erstattungslösungen entwickelt werden – schließlich kostet eine Therapie mit CAR-T-Zellen mehrere hundertausend Euro pro Patient.

Kostenentwicklung abschätzen

„Die Frage der Finanzierung ist eine Frage, die uns sehr intensiv bewegt“, griff Bettina Schwarz von der AOK Hessen das Thema auf. Mit 16% nehmen die Arzneimittelkosten Platz zwei in der Kostenstruktur ihrer Krankenkasse ein (nach Krankenhausbehandlungen auf Platz 1). Aktuell wächst der onkologische Markt dabei mit 8% pro Jahr deutlich schneller als der Gesamtmarkt mit 3%. Um gerade bei den neuartigen Therapien besser abzuschätzen zu können, was auf sie zukommt, vernetzt sich die AOK Hessen zunehmend, zum Beispiel mit Onkologen, Fachgesellschaften, Verbänden, pharmazeutischen Unternehmen, aber auch mit Patienten-Vertretern und Apotheken.

Konzentration auf Zentren

Dass die innovativen Onkologika an spezialisierte Zentren gehören, darüber waren sich bei der anschließenden Podiumsdiskussion alle Teilnehmer einig – nicht nur wegen der Komplexität der Therapie und ihrer Nebenwirkungen, sondern auch weil Zulassungsstudien immer nur einen Teil des notwendigen Wissens abdecken können. Deshalb ist es nach Ansicht aller essenziell, dass auch nach der Zulassung möglichst strukturiert Erfahrungen mit den neuen Therapien gesammelt werden und weiter Wissen generiert und dokumentiert wird. Dr. Johannes Bruns, Generalsekretär der Deutschen Krebsgesellschaft e.V., schlug den Begriff „Transitzone“ für solche Zentren vor, in denen innovative Therapien zunächst ausschließlich zur Anwendung kommen könnten. Netzwerkstrukturen sollten dazu beitragen, dass geeignete Patienten an diese Zentren überwiesen werden. Im zweiten Schritt sei dann eine Ausweitung auf weitere Behandlungsorte möglich. Anita Waldmann, 1. Vorsitzende der Leukämiehilfe Rhein-Main e.V., betonte, wie wichtig es ist, die Patienten selbst über die Möglichkeiten und Grenzen der Therapie zu informieren. Darüberhinaus herrschte Übereinstimmung, dass das gewonnene Wissen in unabhängigen Indikationsregistern für alle verfügbar gemacht werden muss.

Erfolgsabhängige Erstattung?

Als mögliches Erstattungsmodell für die CAR-T-Zellen wurde das sogenannte „Pay for Performance“-Modell diskutiert, bei dem die Zellen nur im Fall eines Therapieerfolgs zu bezahlen sind – wobei sich die Frage stellt, wie ein solcher zu definieren ist. Waldmann forderte, dass hierfür nicht nur das Gesamtüberleben, sondern auch Parameter wie das progressionsfreie Überleben und die Lebensqualität eine Rolle spielen müssten. Gemeinsam tragfähige Lösungen für all diese Fragen zu finden ist umso wichtiger, als sich zahlreiche neue Therapien, darunter auch CAR-T-Zellen für weitere Krebsarten, bereits in der Entwicklung befinden.


Über die Initiative Gesundheitsindustrie Hessen

Die Initiative Gesundheitsindustrie Hessen (IGH) ist ein gemeinsames Projekt der Hessischen Landesregierung, Unternehmen der hessischen Gesundheitsindustrie, dem Landesbezirk Hessen/Thüringen der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie sowie Vertretern aus Wissenschaft und Forschung. Die IGH bildet ein Forum, in dem wesentliche Fragestellungen zur künftigen Entwicklung der Branche interdisziplinär diskutiert und im Rahmen von Werkstätten Lösungen erarbeitet werden sollen.

 

Quelle: Meldung der Initiative Gesundheitsindustrie Hessen

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