Klimaresilienz

Hinweis: Glossarbegriffe sind farbig hinterlegt und werden am Ende des Kapitels näher erläutert. 


Einstieg

Warum Anpassung an den Klimawandel für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) eine Investition in ihre Zukunftsfähigkeit ist

Extremwetterereignisse zählen bereits heute zu den größten Umweltrisiken und verursachen erhebliche wirtschaftliche Schäden – von zerstörter Infrastruktur über Ernteausfälle bis hin zu Produktionsunterbrechungen. Die Finanzmarkt- und die Versicherungsbranche sind sich dieser Risiken schon lange bewusst. Daher richten sie ihren Fokus zunehmend auf die Identifikation potenzieller Risiken und die Umsetzung von Präventionsmaßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel. Ziel ist es, die Resilienz ihrer Kunden gegenüber physischen Klimarisiken zu stärken, um das eigene Geschäftsrisiko zu minimieren.

Für KMU wird die Anpassung an den Klimawandel immer wichtiger, um Mitarbeitende, Produktion und Gebäude vor den Auswirkungen möglicher Extremwetterereignisse zu schützen. Maßnahmen zum Schutz vor Extremwetterereignissen tragen dazu bei, die langfristige Widerstandsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens zu sichern. Darüber hinaus wirken sich die Maßnahmen positiv auf die Risikobewertung der Finanz- und Versicherungsinstitute aus und ermöglichen vergünstigte Vertragskonditionen.

Zwei Kreisgrafiken zeigen wie sich spezifische Klimarisiken konkret auf den Unternehmensalltag auswirken

Die Anpassung an den Klimawandel bedeutet für Unternehmen, proaktiv in Erwartung zunehmender Extremwetterereignisse und langfristig veränderter klimatischer Bedingungen zu handeln. Zu Beginn wird eine sogenannte Resilienzanalyse des Unternehmens in Hinblick auf physische Klimarisiken durchgeführt. In dieser werden zunächst systematisch relevante Klimarisiken identifiziert. Aufbauend auf dieser Analyse lassen sich gezielt Schutzmaßnahmen ableiten.

Starke Niederschläge können beispielsweise zu einem Anstieg der Pegel angrenzender Gewässer sowie zu einer Überlastung der Entwässerungssysteme führen. Fehlen Ausweichflächen für Gewässer, Auffangbecken oder geeignete Dachentwässerungen, besteht die akute Gefahr, dass Produktions- und Bürogebäude überflutet werden. Wer das Risiko im Blick hat, kann gezielt vorsorgen – zum Beispiel mit zusätzlichen Versickerungsflächen durch Mulden oder wasserdurchlässige Beläge sowie mit einer verbesserten Dachentwässerung, Notüberläufen und Entwässerungsrinnen.

Anpassung an den Klimawandel ist eine gemeinsame Chance für KMU und deren Stakeholdergruppen

Ein wesentlicher Aspekt der unternehmerischen Verantwortung von KMU ist der Schutz ihrer Mitarbeitenden vor physischen Klimarisiken. Klimaresilienz ist gleichzeitig die Basis für Betriebssicherheit, den Werterhalt von Kapitalgütern und damit für die langfristige Sicherung des Unternehmensstandorts. Somit ergeben sich handfeste Vorteile für KMU und ihre direkten Interessengruppen.

Klimaresilienz als kluge Investition in die Zukunftsfähigkeit von KMU

Mitarbeitende

Produktivität und Gesundheit erhalten: Mitarbeitende werden durch den Einsatz von Maßnahmen (z. B. Belüftung, Hitzeschutz, flexible Arbeitszeit-regelungen) vor den Auswirkungen des Wetters geschützt.

Sicherung von Arbeitsplätzen und Produktivität durch reduzierte Ausfallzeiten und widerstandsfähige Prozesse.

Attraktiver Arbeitgeber für Fachkräfte und junge Talente, die Nachhaltigkeit wertschätzen.

Vermögenswerte

Schutz vor klimabedingten Schäden an Immobilien, Produktionsanlagen und Infrastruktur durch präventive Maßnahmen.

Erhalt und Sicherung der Betriebsfähigkeit, z. B. durch resiliente Lieferketten und Notfallplanung.

Verfügbare Fördermöglichkeiten: Frühzeitig geplante Investitionen können öffentlich gefördert werden. 

Kapitalzugang und Versicherungen

Günstigerer Zugang zu Kapital durch die Erfüllung von ESG-Kriterien, was zu besseren Risikobewertungen durch Investoren und Kreditgeber führt.

Reduziertes Schadensrisiko wirkt sich positiv auf den Versicherungsschutz und die Prämien aus.

Konformität mit regulatorischen Anforderungen: Transparenz über Klimarisiken entlang der gesamten Liefer- und Wertschöpfungs-kette.

Öffentlichkeit und Reputation

Positive Wahrnehmung als verantwortungs-bewusstes, zukunftsorientiertes Unternehmen mit Vorbildcharakter.

Vertrauenswürdiger Kooperationspartner durch Positionierung als resilientes und zukunftsfähiges Unternehmen bei Partnern, Kunden, Behörden und Öffentlichkeit.


Theorie und Praxis

Pragmatisch und wirksam: So analysieren KMU die Widerstandsfähigkeit ihres Unternehmens

Um wirksame Maßnahmen für die Anpassung an den Klimawandel zu identifizieren, ist die Durchführung einer Resilienzanalyse im Hinblick auf physische Klimarisiken für alle Unternehmensstandorte sinnvoll. Dieses systematische Verfahren dient der Bewertung der Widerstandsfähigkeit des Unternehmens.

Die Europäische Union unterscheidet physische Klimarisiken in akute und chronische Klimarisiken: Akute Klimarisiken äußern sich in Form von Extremwetterereignissen, während chronische Risiken durch langfristig unumkehrbare Klimagefahren gekennzeichnet sind1. Die nachfolgende Darstellung zeigt die typischen Klimarisiken für die Region Deutschland nach den elementaren Kriterien auf.

[1] Die Delegierte Verordnung (EU) 2023/2486 enthält eine Übersicht der akuten und chronischen Klimarisiken gemäß EU-Taxonomie. 

Übersicht über physische Klimarisiken in Deutschland
Resilienzanalyse in zwei Schritten

Schritt 1 – Die Bestandsaufnahme

Die Unternehmensstandorte werden auf relevante und priorisierte Klimagefahren hin untersucht. Der Fokus liegt dabei auf akuten Klimaereignissen, mit denen KMU in Hessen typischerweise heute bereits konfrontiert sind. Hierzu zählen insbesondere Starkregen, Hochwasser sowie Hitze.
Für die Analyse der typischen Klimagefahren können KMU in Hessen folgende kostenfrei zugänglichen digitalen Karten heranziehen. Diese beinhalten die Datengrundlage für die Bewertung der gegenwärtigen und zukünftigen Anfälligkeit (Exposition) gegenüber physischen Klimagefahren. Wie KMU diese Karten für die eigene Klimarisikoanalyse nutzen können, wird im nächsten Abschnitt anhand des Praxisbeispiels erläutert.
 
Klimagefahren selbständig ermitteln

Diese Tools helfen bei der Ermittlung der drei am häufigsten vorherrschenden Klimagefahren und sind kostenlos verfügbar.

Starkregen

Hochwasser

Hitze

Starkregenviewer Hessen des Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie. 

 

Geoportal.Frankfurt.de: Starkregen-gefahrenkarte für die Stadt Frankfurt am Main

 

3D.Darmstadt.de: Starkregengefahrenkarte fürdie Stadt Darmstadt

HWRM-Viewer des Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie

 

 

 

„Klima der Zukunft“ in Hessen – Klimaprognosen-Portal des Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie.

 


Die Bewertung der Exposition gegenüber zukünftigen Extremwetterereignissen erfolgt auf Grundlage von Klimamodellen und sogenannten RCP-Szenarien des Weltklimarates. Diese sind in den empfohlenen digitalen Karten bereits hinterlegt. Für die Überprüfung potenzieller physischer Klimagefahren sollte das ungünstigste Zukunftsszenario RCP8.5 angenommen werden. Wenn physische Klimagefahren für die Unternehmensstandorte festgestellt werden, schließt sich der zweite Analyseschritt zur Bewertung der Anfälligkeit der spezifischen Systemelemente am betroffenen Unternehmensstandort an.

Schritt 2 – Die Detailanalyse

Es folgt die detaillierte Resilienzanalyse für Systemelemente an Unternehmensstandorten, an denen bereits Klimagefahren auftraten und/oder für die potenzielle Klimagefahren ermittelt wurden. Dabei wird untersucht, inwieweit die Systemelemente Klimarisiken ausgesetzt sind und wie anfällig sie gegenüber diesen Risiken sind (Vulnerabilität). Die nachfolgende Grafik veranschaulicht beispielhaft den potenziellen Einfluss der in Hessen am häufigsten auftretenden physischen Klimagefahren auf spezifische Systemelemente.



Im Rahmen der Bewertung werden alle relevanten Systemelemente des Unternehmensstandorts in Hinblick darauf, wie empfindlich sie gegenüber Klimarisiken sind und wie stark sie vermutlich davon betroffen sein werden, analysiert. Dabei fließen sowohl bestehende als auch geplante Anpassungsmaßnahmen in die Bewertung ein.

Werden darüber hinaus weitere Restrisiken mit potenziell hohem Schadenausmaß für Systemelemente festgestellt, sind zusätzliche Schutzmaßnahmen abzuleiten. Nach deren Umsetzung ist die Widerstandsfähigkeit des Standorts erneut zu prüfen. Abschließend werden die Ergebnisse der Analyse nachvollziehbar dokumentiert.

TO DOOOOO // EXKURS: zukünftige Entwicklungen anhand von Klimaszenarien vorhersagen

NEU NEU NEU NEU Der Weltklimarat modelliert und aktualisiert auf Grundlage wissenschaftlich basierter Kriterien Zukunftsszenarien, die aufzeigen, wie stark sich das Klima zukünftig verändern könnte – in Abhängigkeit von Treibhausgasemissionen. Diese Zukunftsszenarien heißen Representative Concentration Pathways, kurz: RCP. Unterschieden werden RCP8.5 („weiter wie bisher“), RCP4.5 („moderate Entwicklung“) sowie RCP2.6 („optimistische Entwicklung“). Sie sind in der folgenden Grafik erläutert.

"Weiter-wie-bisher" - RCP8.5

Szenario: Keine Dekarbonisierungsmaßnahmen, Treibhausgasemissionen steigen kontinuierlich weiter. Die Erderwärmung steigt über 4°C. 

Folgen: Extreme Hitze, häufige Naturkatastrophen, massive Schäden in vielen Bereichen.

"Moderate Entwicklung" - RCP4.5

Szenario: Dekarbonisierungsmaßnahmen ungenügend, Treibhausgasemissionen steigen moderat bzw. stagnieren auf hohem Niveau. Die Erderwärmung steigt bis ca. 2,5–3°C. 

Folgen: Spürbare Veränderungen, z.B. häufigere Hitzetage, mehr Starkregen, Risiken für Lieferketten und Standorte.

"Optimistische Entwicklung" - RCP2.6

Szenario: Ambitionierte Dekarbonisierungsmaßnahmen senken die Treibhausgasemissionen stark, z.B. durch Nutzung erneuerbarer Energien. Die Erderwärmung bleibt unter 2°C. 

Folgen: Hitzewellen und Extremwetter nehmen nur leicht zu, viele Klimarisiken bleiben beherrschbar. 


KMU-Impulse

Anpassung an den Klimawandel im Unternehmen verankern – so kann eine Resilienzanalyse aussehen!

Die Anpassung an den Klimawandel lässt sich beispielhaft an einem Beratungsunternehmen mit rund 15 Mitarbeitenden zeigen, das in einem Bürogebäude aus den 1970er Jahren in Darmstadt-Innenstadt tätig ist.

1. Bestandsaufnahme

Für die Analyse der in der Region Hessen typischerweise auftretenden Klimagefahren Hochwasser, Starkregen und Hitze wurden die oben genannten digitalen Karten für Klimagefahren herangezogen. Das Resultat der Vorprüfung zeigt, dass der Unternehmensstandort potenziell gegenwärtig wie auch künftig im Zukunftsszenario RCP8.5 den Klimagefahren Starkregen und Hitze ausgesetzt ist. Eine Gefahr durch Hochwasser konnte für den Standort nicht identifiziert werden und wird daher in der Detailanalyse nicht weiter betrachtet.

2. Detailanalyse

Im nächsten Schritt geht es darum, die Systemelemente des Standorts festzulegen – also die Bereiche, die für den Betrieb besonders wichtig sind. Dabei spielen sowohl unternehmerische Tätigkeiten als auch die Gebäudegegebenheiten eine Rolle. Für den Standort in Darmstadt wurden drei zentrale Systemelemente definiert: die Mitarbeitenden, die Betriebsanlagen in den Gebäuden sowie die Verkehrsinfrastruktur (Anfahrt zum Standort). Auf dieser Basis lässt sich anschließend prüfen, wie stark diese Bereiche durch Starkregen oder Hitze beeinträchtigt werden können und wie dies die Wirtschaftstätigkeit am Standort beeinflussen kann.

 

2a)    Analyse betroffener Systemelemente

    Starkregen

Starkregenereignisse können zu temporären Überflutungen führen. Laut Starkregenkarte sind nördlich und südlich des Gebäudes Überflutungstiefen von bis zu 30 cm möglich. Da sich die Geschäftsräume samt IT-Infrastruktur im ersten Obergeschoss befinden und das Gebäude über mehrere Zugänge verfügt, sind Betrieb, Mitarbeitende und Erreichbarkeit nicht beeinträchtigt. Eine weiterführende Analyse dieser Klimagefahren ist daher nicht erforderlich.

 

        Hitze

Hitze kann verschiedene Bereiche eines Unternehmens spürbar beeinträchtigen. Um die Auswirkungen auf die Systemelemente einschätzen zu können, ist es wichtig, zunächst die Intensität und Entwicklung der Hitzebelastung zu betrachten. Im angenommenen Szenario RCP8.5 zeigt sich bereits heute ein Temperaturanstieg von 0,7 °C gegenüber der Referenzperiode 1971–2000. Prognosen zufolge wird die Temperatur bis in die 2050er Jahre um weitere 1,1 °C auf 1,8 °C ansteigen. Im Jahr 2024 wurden an diesem Standort 19 Tage mit einer Temperatur von über 30° C verzeichnet. Die aktuelle Datenlage lässt den Schluss zu, dass die Anzahl der Tage mit hohen Temperaturen in Zukunft steigen wird.

Damit stellt sich die Frage, wie sich diese Hitzebelastung auf den Standort auswirkt. Da es sich um ein altes Gebäude aus den 70er Jahren handelt und sich die Geschäftsräume auf der Südseite befinden, die nahezu vollständig verglast ist, betrifft eine anhaltende Hitzeperiode auch die Innenräume. Betroffen sind vor allem die Mitarbeitenden, die an heißen Tagen häufiger unter Konzentrationsschwierigkeiten oder Kreislaufproblemen leiden. Dies schränkt die Produktivität ein und kann zu Ausfällen führen. Auch die IT-Hardware reagiert empfindlich auf hohe Temperaturen: Überhitzte Computer und Server können Störungen verursachen und damit Verwaltung, Kommunikation oder Buchhaltung beeinträchtigen. Zudem wird die Verkehrsinfrastruktur durch Hitze beeinträchtigt. Dies erschwert die Anreise zum Standort und belastet die Mitarbeitenden zusätzlich.

 

2b)    Identifizierung bestehender und geplanter Anpassungslösungen

Bevor eine abschließende Risikobewertung vorgenommen werden kann, sind die bestehenden und geplanten Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel zu berücksichtigen.

 

Vorhandene Maßnahmen zur Eindämmung von Risiken:

  • Mitarbeitende: Bereitstellung von Wasser, Ventilatoren, Außenjalousien zur Raumverdunklung, Raumkühlung durch Nachtlüftung, Option zum mobilen Arbeiten und flexible Arbeitszeitmodelle
  • IT-Hardware und Server: lüftergekühlte Hardware
  • Verkehrsinfrastruktur: Home-Office-Option

 

Geplante Maßnahmen:

Anbringen einer Verdunklungs- und Wärmeschutzfolie an den Außenseiten der Fensterflächen auf der Südseite des Gebäudes. Die Folie reflektiert das Sonnenlicht und reduziert somit die Wärmeentwicklung im Raum.

 

2c)    Risikoeinstufung

Auf Grundlage der bestehenden und geplanten Maßnahmen kann eine abschließende Risikoeinstufung vorgenommen werden. Das Ergebnis dieser Analyse ist in der nachfolgenden Tabelle exemplarisch für die Auswirkungen der Klimagefahr Hitze auf das Systemelement „Mitarbeitende“ dargestellt.

Für den Zeitraum 2025–2050 erfolgt zunächst eine Risikobewertung unter Berücksichtigung des aktuellen Anpassungsstands. Die dritte Spalte der Tabelle zeigt die abgeleiteten Folgemaßnahmen zur Reduzierung der Restrisiken. Unter Berücksichtigung der Folgemaßnahmen wird abschließend eine Neubewertung des prognostizierten Schadensausmaßes vorgenommen. Ziel ist es, eine geringere Risikoeinstufung (z. B. von „hoch“ auf „mittel“ oder „niedrig“) zu erreichen.

EXKURS: Digitale Karten für Klimagefahren lesen

Am Beispiel der Klimagefahr Hitze folgt nun eine Erläuterung zur Nutzung und Interpretation der verwendeten digitalen Karten für einen Firmenstandort in Darmstadt.

„Klima der Zukunft“ in Hessen

In der digitalen Karte wird in der Navigationsleiste links zunächst der Sommermonat „August“ ausgewählt, um den Vergleich der beiden Zukunftsszenarien „Weiter wie bisher“ (RCP8.5) und „optimistische Entwicklung“ (RCP2.6) darzustellen. Für eine vereinfachte Kartendarstellung empfiehlt es sich, oberhalb der Karten „Mittelwerte“ und auf der Zeitleiste eine Periode auszuwählen.
Die Karte zeigt, wie sich das Klima am Standort in Abhängigkeit von dem gewählten Zukunftsszenario verändern kann. Erkennbar ist der erwartete Anstieg der durchschnittlichen Temperatur.
 
Prognose für 2050er Jahre am Beispiel Monat August:
 
Betrachtet man die Prognose für die 2050er Jahre, so zeigt sich, dass die durchschnittliche Temperatur im optimistischeren RCP2.6-Szenario bereits um 1,3 °C höher liegt als in der Referenzperiode 1971–2000. Im pessimistischeren RCP8.5-Szenario liegt die durchschnittliche Temperatur sogar 1,8 °C höher. Unternehmen sollten sich deshalb auf eine höhere Hitzebelastung durch steigende Spitzentemperaturen und eine Häufung heißer Tage einstellen.
Hinweis: Weiterführende Informationen und Handlungsempfehlungen zum Thema Hitze finden Sie in der folgenden Broschüre. "Gewerbegebiete – klimaangepasst und fit für die Zukunft! Praxisbeispiele aus Kommunen und Unternehmen." (PDF) | Quelle: Hessisches Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie

VSME-Umsetzung

Berichterstattung zu physischen Klimarisiken

ESG-Berichte werden zunehmend zum Standard – auch für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) –, um Auskunftsersuchen von Banken, Großkunden und anderen Partnern nachzukommen. KMU können auf Grundlage des modularen KMU-Nachhaltigkeitsberichtsstandards der EU (VSME) Inhalte offenlegen und damit auf Mehrfachanforderungen zu ESG-Daten seitens Geschäftspartner, Kreditgebern oder Investoren reagieren. Der VSME soll die bisherige Praxis von individuell erstellten ESG-Fragebögen und den damit verbundenen bürokratischen Mehraufwand einschränken.

Umsetzung der relevanten VSME-Module

Für die Berichterstattung zu klimabedingten Risiken ist im VSME das Modul C4 – Klimarisiken vorgesehen. In den folgenden Abschnitten sind die betreffenden Abschnitte im VSME-Modul beschrieben und eine beispielhafte Offenlegung anhand des fiktiven Beispiels dargelegt: 

Beschreibung klimabedingter Gefahren und Übergangsereignisse

Angabe im VSME-Modul Modul C4 – Klimarisiken:

57a) Wenn das Unternehmen klimabedingte Gefahren und klimabedingte Übergangsereignisse ermittelt hat, die für das Unternehmen ein großes klimabedingtes Risiko darstellen, sollte es solche klimabedingten Gefahren und Übergangsereignisse kurz beschreiben. 

Umsetzungsbeispiel: „Das Unternehmen hat langanhaltende Hitzeperioden infolge steigender Außentemperaturen als physisches Klimarisiko identifiziert. Besonders in den Sommermonaten kommt es in den Büroräumen zu temporärer Überhitzung, da sich die Büroflächen im ersten Obergeschoss auf der Südseite eines Gebäudes aus den 1970er Jahren befindet, das über keine Klimatisierung verfügt. Dies beeinträchtigt das Wohlbefinden und die Produktivität der Mitarbeitenden.“

Bewertung von Exposition und Empfindlichkeit

Angabe im VSME-Modul Modul C4 – Klimarisiken:
 
57b) Wenn das Unternehmen klimabedingte Gefahren und klimabedingte Übergangsereignisse ermittelt hat, die für das Unternehmen ein großes klimabedingtes Risiko darstellen, sollte es offenlegen, wie es die Exposition und Empfindlichkeit seiner Vermögenswerte, Aktivitäten und Wertschöpfungskette gegenüber diesen Gefahren und Übergangsereignissen bewertet hat.

Umsetzungsbeispiel: „Die Bewertung erfolgte durch eine interne Risikoanalyse, basierend auf Prognosekarten für durchschnittliche Lufttemperatur und Temperaturen während der Sommermonate. Zudem wurden Erfahrungswerte der Mitarbeitenden herangezogen. Als besonders gefährdet gelten Arbeitsplätze an Südseiten sowie Mitarbeitende mit gesundheitlichen Einschränkungen. Da die Büroarbeit standortgebunden stattfindet, ist die Exposition der Mitarbeitenden gegenüber Hitze als hoch, die Empfindlichkeit als mittel bis hoch einzustufen.“

Zeithorizont

Angabe im VSME-Modul Modul C4 – Klimarisiken:

57c) Wenn das Unternehmen klimabedingte Gefahren und klimabedingte Übergangsereignisse ermittelt hat, die für das Unternehmen ein großes klimabedingtes Risiko darstellen, sollten die Zeithorizonte der ermittelten klimabedingten Gefahren und Übergangsereignisse offengelegt werden: 

Umsetzungsbeispiel: „Das Risiko wurde als kurz- bis mittelfristig relevant eingestuft (aktuell bereits spürbar und mit zunehmender Tendenz innerhalb der nächsten fünf Jahre), basierend auf regionalen Klimaprojektionen. Langfristig (bis 2050) wurde das Risiko als sehr relevant eingestuft, da die Außentemperaturen in Sommermonaten unter einem RCP8.5-Szenario um weitere 1,1 °C ansteigen können.“

Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel

Angabe im VSME-Modul Modul C4 – Klimarisiken:
 
57d) Wenn das Unternehmen klimabedingte Gefahren und klimabedingte Übergangsereignisse ermittelt hat, die für das Unternehmen ein großes klimabedingtes Risiko darstellen, sollte es offenlegen, ob Sie Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel für alle klimabedingten Gefahren und Übergangsereignisse ergriffen hat.
Umsetzungsbeispiel: 
Bereits umgesetzt:
  • Beschaffung mobiler Ventilatoren für alle Arbeitsplätze
  • Einführung flexibler Arbeitszeiten, die eine Verlagerung in kühlere Tageszeiten ermöglichen
  • Möglichkeit zum mobilen Arbeiten an Hitzetagen
Geplant:
  • Installation von zusätzlichem, außenliegendem Sonnenschutz (Wärmeschutzfolie) bis 2026

Einschätzung des Risikos

Angabe im VSME-Modul Modul C4 – Klimarisiken:

58) Das Unternehmen kann die potenziellen negativen Auswirkungen von Klimarisiken, die sich kurz-, mittel- oder langfristig auf seine finanzielle Leistungsfähigkeit oder seine Geschäftstätigkeit auswirken können, offenlegen und angeben, ob es die Risiken als hoch, mittel oder gering einschätzt.

Umsetzungsbeispiel: „Das Risiko ist kurz- und mittelfristig (innerhalb der nächsten fünf Jahre) als „hoch“ einzustufen, insbesondere im Hinblick auf Produktivitätseinbußenbei anhaltender Hitzebelastung. Langfristig (bis 2050) wird das Risiko für die Mitarbeitenden als „mittel“ bewertet, da künftig weitere Anpassungsmaßnahmen umgesetzt werden. Das Risiko wurde qualitativ bewertet. Eine finanzielle Quantifizierung wurde nicht durchgeführt.“

Hinweis: Dieses Beispiel zeigt, wie KMU über ihre Resilienzanalyse hinsichtlich physischer Klimarisiken berichten können und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Berichterstattung ist individuell anzupassen.

Fazit

Maßnahmen zur Anpassung an Klimarisiken sind für Unternehmen unerlässlich. Finanz- und Versicherungsinstitute sowie Zulieferer müssen ihrerseits die Risiken in ihren Portfolios bzw. Liefer- und Wertschöpfungsketten minimieren und dies ihren Stakeholdern gegenüber nachweisen. Der Druck wächst: Unternehmen, die einem hohen Klimarisiko unterliegen, aber keine Maßnahmen ergreifen, könnten künftig nicht mehr als präferierte Vertragspartner in Betracht gezogen werden.

Eine pragmatische Klimaresilienzanalyse ermöglicht einen einfachen Einstieg, um Risiken systematisch zu identifizieren, Schwachstellen zu erkennen und gezielte Handlungsbedarfe abzuleiten. Der vorgestellte Ansatz zeigt, dass Klimaresilienz nicht aufwendig sein muss. Mithilfe konkreter Schritte und praktischer Tools können KMU zielgerichtet Anpassungsmaßnahmen entwickeln, die die Gefahr von Betriebsunterbrechungen reduzieren und ihre Wettbewerbsfähigkeit langfristig sichern. Unternehmen sollten jetzt Maßnahmen ergreifen, um ihre Geschäftsgrundlage langfristig zu schützen. Sie profitieren von verbesserten Konditionen und festigen ihren Ruf als verlässlicher Partner.


Weitere Infos

Hilfestellungen und Unterstützungs-angebote auf einen Blick

Starkregen-Hinweiskarte für Hessen

Die Starkregen-Hinweiskarte für Hessen vermittelt eine erste Übersicht der Gefährdungslage bei Starkregen. Die Karte basiert auf Beobachtungen von Niederschlag, Topographie und Versiegelungsgrad. Zusätzlich ist die Vulnerabilität (kritische Infrastrukturen, Bevölkerungsdichte und Erosionsgefahr) enthalten.

Hochwasserrisikomanagement-Viewer Hessen

Hochwasserrisikomanagement-Viewer Hessen: Der HWRM-Viewer ist eine interaktive Anwendung zu den Ergebnissen der Hochwasserrisikomanagement-Bearbeitung in Hessen.

„Klima der Zukunft“ in Hessen

„Klima der Zukunft“ in Hessen: Die farbige Karte zeigt die mittlere jährliche Lufttemperatur (Absolutwerte) des gewählten Zeitraums 2031-2060 für das Bundesland Hessen (basierend auf Rasterdaten), wenn kein Klimaschutz betrieben wird (RCP8.5).

Informationssammlung Anpassung an den Klimawandel

Informationssammlung Anpassung an den Klimawandel: In den Broschüren des Hessischen Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) und den Mustervorträgen zu verschiedenen Themenschwerpunkten finden Sie Informationen zum Klimawandel allgemein oder zu seinen Auswirkungen auf bestimmte Handlungsfelder.

Umweltbundesamt – Klimafolgen und Anpassung

Umweltbundesamt – Klimafolgen und Anpassung: Um sich über Chancen und Risiken des Klimawandels informieren zu können, stellt das Umweltbundesamt eine Reihe von Werkzeugen zur Verfügung.

Webinar (Unternehmensnetzwerk Klimaschutz)

Ein aufgezeichnetes Webinar der IHK-Plattform Unternehmensnetzwerk Klimaschutz zum Thema physikalische Kimarisiken.

Kostenfreie Einstiegsberatung zum nachhaltigen Wirtschaften

Das RKW Hessen bietet dem hessischen Mittelstand regelmäßig kostenfreie Einstiegsberatungen zum Thema nachhaltiges Wirtschaften, um sich auf die zukünftig anstehenden Anforderungen vorzubereiten.

Ziel der Einstiegsberatung: In einem halbtägigen Workshop erfolgen eine erste Bestandsaufnahme, eine Prioritätensetzung für mögliche Maßnahmen zum nachhaltigen Wirtschaften im eigenen Unternehmen sowie ein Einstieg in die Nachhaltigkeitsberichterstattung. 

Testen Sie die Krisenfestigkeit Ihres Unternehmens: Das kostenfreie Online-Tool ResilienzCheck.org bietet die Möglichkeit, die Widerstandsfähigkeit Ihres Unternehmens in Form eines Selbsttests systematisch zu überprüfen. Anhand von 58 Fragen zu zehn kritischen Organisationsbereichen wird eine umfassende Bewertung der Resilienz Ihres Unternehmens vorgenommen und konkrete Handlungsempfehlungen mit einer ungefähren Einschätzung des Aufwands abgeleitet.

ResilienzCheck.org wurde von einem interdisziplinären Team aus Resilienz-Experten, IT-Experten, Krisenmanagement-Spezialisten und Organisationsberatern entwickelt – wissenschaftlich fundiert und praxiserprobt.
Glossar

Anpassung an den Klimawandel

Hierunter versteht man alle Maßnahmen, Strategien und Prozesse, mit denen sich Gesellschaft, Wirtschaft, Natur und Infrastruktur auf die bereits spürbaren und zukünftigen Folgen des Klimawandels einstellen, um Schäden zu minimieren, Chancen zu nutzen und die Widerstandsfähigkeit zu erhöhen.

Exposition

Im Kontext des Klimawandels bezieht sich Exposition auf das Ausmaß, in dem ein System (z. B. eine Gesellschaft, ein Ökosystem oder Infrastruktur) klimatischen Risiken ausgesetzt ist. 

Extremwetterereignisse

Extremwetterereignisse sind Wetterphänomene, die an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Jahreszeit selten sind und extreme Intensität aufweisen. Sie können sich durch ungewöhnliche Merkmale in Bezug auf Ausmaß, Ort, Zeitpunkt oder Dauer auszeichnen.

Klimagefahren

Klimagefahren sind konkrete Bedrohungen, die durch den Klimawandel entstehen oder verstärkt werden und Mensch, Natur, Infrastruktur oder Wirtschaft schädigen können.

Klimamodelle

Klimamodelle sind komplexe, computergestützte Simulationen des Erdklimasystems. Sie basieren auf physikalischen, chemischen und biologischen Prinzipien und dienen dazu, das Klima der Vergangenheit zu rekonstruieren, das gegenwärtige Klima zu verstehen und zukünftige Klimaänderungen vorherzusagen.

Klimaprognosen

Klimaprognosen sind wissenschaftliche Einschätzungen der zukünftigen Entwicklung des Klimas, die auf mathematisch-physikalischen Modellen basieren. Im Gegensatz zu Wettervorhersagen, die sich auf kurze Zeiträume beziehen, berücksichtigen Klimaprognosen verschiedene Komponenten des Klimasystems wie Atmosphäre, Ozeane, Eisgebiete und Ökosysteme und haben einen längeren Zeithorizont. Das Ziel besteht darin, Veränderungen des Klimas über Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte hinweg vorherzusagen.

Klimaresilienz

Klimaresilienz bezeichnet die Fähigkeit von Gesellschaften, Ökosystemen oder Infrastrukturen, mit den Auswirkungen des Klimawandels umzugehen, sich anzupassen und sich nach Störungen schnell zu erholen – idealerweise so, dass sie danach mindestens ebenso funktionsfähig oder sogar besser aufgestellt sind als zuvor.

Physische Klimarisiken

Physische Klimarisiken bezeichnen Gefahren, die durch den Klimawandel bedingt sind, z. B. Starkregen, Überschwemmungen sowie Hitzewellen.

Representative Concentration Pathways (RCP)

RCPs (Representative Concentration Pathways) beschreiben auf Grundlage wissenschaftlich basierter Kriterien verschiedene Zukunftsszenarien, die zeigen, wie stark sich das Klima verändern könnte – je nachdem, wie sich der Ausstoß von Treibhausgasen entwickelt.

Resilienzanalyse (physische Klimarisiken)

Eine Resilienzanalyse ist ein systematisches Verfahren zur Identifikation und Priorisierung von Unternehmensrisiken, die sich durch die direkten und indirekten Auswirkungen physischer Klimaereignisse ergeben können. Sie beinhaltet meist die Bewertung der Widerstandsfähigkeit der Unternehmensstandorte nach Umsetzung möglicher Präventionsmaßnahmen.

Systemelemente

Systemelemente im Kontext der Klimawandelanpassung sind alle relevanten physischen, organisatorischen, personellen und infrastrukturellen Bestandteile eines Unternehmens, die direkt oder indirekt vom Klimawandel betroffen sind oder zur Anpassung beitragen können, z. B. die Mitarbeitenden sowie Gebäude und Verkehrsinfrastruktur, Energieversorgung und Produktionsanlagen.

VSME

Voluntary Sustainability Reporting Standard for non-listed SMEs: Berichtsstandard der Europäischen Union für die freiwillige Nachhaltigkeitsberichterstattung durch KMU.

Vulnerabilität

Im Kontext des Klimawandels bezieht sich Vulnerabilität auf die Anfälligkeit eines Systems (z. B. einer Gesellschaft, eines Ökosystems oder der Infrastruktur) gegenüber den negativen Auswirkungen des Klimawandels, einschließlich Klimaextremen und -veränderungen, sowie die Fähigkeit, mit diesen umzugehen. Sie ist ein Maß dafür, wie stark ein System durch den Klimawandel beeinträchtigt werden kann und wie gut es sich anpassen oder erholen kann.

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