Bestandsaufnahme und Zielbild entwickeln

Eine fundierte Transformationsplanung beginnt mit der Bestandsaufnahme: Wo steht das Unternehmen heute, welche wesentlichen Kosten- und Emissionsquellen bestehen und wo ergibt sich Handlungsbedarf? Für den Einstieg ist keine vollständige Datengrundlage erforderlich – die Analyse kann schrittweise vertieft werden.

Schritt für Schritt zum Zielbild

1. Transformationsrisiken: Welche Risiken kommen auf uns zu?

Ziel der Risikoanalyse ist es, frühzeitig zu erkennen, welche Entwicklungen das Geschäftsmodell, die Kosten, die Lieferfähigkeit oder die Wettbewerbsposition des Unternehmens beeinflussen können.
Für eine erste Analyse empfiehlt sich der Blick auf folgende Bereiche:

a) Physische Risiken
Standortbezogen: Welche Risiken betreffen Ihre Standorte (z.B.: Hitze, Starkregen, Hochwasser, Sturm)?
Sektorbezogen: Welche Risiken ergeben sich aus Ihrer Tätigkeit oder Branche? (z.B.: Energieabhängigkeiten, Lieferketten, Materialverfügbarkeit)
Zur Risikobewertung können Sie folgende Hilfsmittel nutzen:
 
b) Transitionsrisiken
Veränderungen durch regulatorische, technologische oder marktbezogene Entwicklungen, zum Beispiel:
  • Neue gesetzliche Anforderungen (z.B. Gebäudeenergiegesetz, Anforderungen von Finanzierungspartnern)
  • Veränderte Kundennachfrage (z.B. rückläufige Nachfrage nach bestehenden Produkten)
  • Lieferkettenrisiken (z.B. Verfügbarkeit bestimmter Rohstoffe oder Komponenten, kritische Abhängigkeiten)
Risiken bewerten und priorisieren
Nicht jedes identifizierte Risiko erfordert sofortiges Handeln. Bewerten Sie deshalb die wichtigsten Risiken anhand zweier einfacher Fragen:
  • Wie wahrscheinlich ist es, dass das Risiko eintritt?
  • Wie groß wären die Auswirkungen auf das Unternehmen?
Tipp:Mit dem in Hessen entwickelten ResilienzCheck.org können Sie kostenfrei die Widerstandsfähigkeit Ihrer Organisation bewerten und konkrete Empfehlungen zur Stärkung Ihrer Resilienz in kritischen Bereichen erhalten.
 
Praxisbeispiel: Haustechnikbetrieb
Der Betrieb identifiziert eine Verschiebung der Nachfrage hin zu elektrifizierten und emissionsärmeren Heiz- und Gebäudelösungen. Im laufenden Betrieb wird bereits festgestellt, dass Hitzeperioden die Außenarbeit erheblich erschweren und die Produktivität der Mitarbeitenden beeinträchtigen. Gleichzeitig verändern regulatorische Rahmenbedingungen die Anforderungen an das Leistungsangebot und die Qualifikation der Mitarbeitenden.

2. Dekarbonisierung: Wo entstehen die Emissionen?

Zunächst werden die wesentlichen Emissionsquellen des Unternehmens identifiziert. Für den Einstieg empfiehlt sich die Erfassung der direkt beeinflussbaren Emissionen aus Scope 1 und Scope 2. Gleichzeitig sollte geprüft werden, welche Scope-3-Emissionen für das Geschäftsmodell besonders relevant sind. Gerade bei Unternehmen mit umfangreicher Beschaffung, Transportleistungen oder zu installierenden Produkten können diese einen wesentlichen Teil des gesamten THG-Fußabdrucks ausmachen.
 
Scope 1: Direkte Emissionen
Hierzu zählen THG-Emissionen aus unternehmenseigenen oder kontrollierten Quellen. Für eine erste Bilanz werden insbesondere erfasst:
  • Firmenfahrzeuge: Kraftstoffverbrauch aus Tankrechnungen oder Tankkartenabrechnungen
  • Heizung: Erdgasverbrauch in kWh bzw. m³ oder Heizölverbrauch in Litern
  • Kältemittel: Verluste bzw. nachgefüllte Mengen und eingesetzter Kältemitteltyp gemäß Wartungsprotokollen
Scope 2: Emissionen aus eingekaufter Energie
Scope 2 umfasst indirekte Emissionen aus der Erzeugung eingekaufter Energie. Für eine erste Bilanz werden insbesondere erfasst:
  • Strom: Verbrauch in kWh gemäß Stromrechnung oder Jahresabrechnung
  • Strombezug: Informationen zu Tarif, Herkunft und ggf. Herkunftsnachweisen
  • Fernwärme/-kälte: Verbrauch in kWh, sofern relevant
Scope 3: Emissionen aus vor- und nachgelagerten Prozessen
Scope-3-Emissionen entstehen vor- und nachgelagert entlang der Wertschöpfungskette, beispielsweise durch eingekaufte Waren und Dienstleistungen, Transporte oder die Nutzung und Entsorgung verkaufter Produkte. Ihre Erfassung ist komplexer, da zahlreiche Daten aus der Lieferkette benötigt werden und teilweise mit Annahmen oder Durchschnittswerten gearbeitet werden muss. Für kleinere Betriebe genügt es zunächst, ein Grundverständnis dafür zu entwickeln, in welchen Bereichen die wesentlichen Scope-3-Emissionen entstehen. Dazu können Branchenanalysen herangezogen werden.
 
Praxistipps:
Einfach starten: Nutzen Sie zunächst die Daten, die bereits im Unternehmen verfügbar sind, z. B.: Strom- und Heizkostenabrechnungen, Tankrechnungen oder Tankkartenabrechnungen oder Verbrauchs- und Abrechnungsdaten von Energieversorgern. Fehlende Daten können für eine erste Bilanz nachvollziehbar geschätzt werden.
 
Kostenfreie Tools nutzen: Für eine erste Treibhausgasbilanzierung stehen kostenlose Datenbanken oder Online-Tool zur Verfügung, die die wichtigsten Emissionsfaktoren für alle relevanten Emissionsquellen hinterlegt haben und somit die Berechnung deutlich erleichtern. Wir empfehlen insbesondere das kostenfreie ecocockpit-hessen. Speziell für die Energie- und Emissionsbilanzierung im Handwerk wurde zudem das E-Tool entwickelt.
 
Vergleichbarkeit sicherstellen: Nutzen Sie über die Zeit möglichst einheitliche Bilanzierungsgrenzen, Datengrundlagen und Berechnungsmethoden. Änderungen sollten dokumentiert werden. So bleibt die Entwicklung der Emissionen über mehrere Jahre nachvollziehbar und vergleichbar.
 
Ergebnis: Eine erste THG-Bilanz schafft Transparenz über die wesentlichen Emissionsquellen und ermöglicht es, Emissionsschwerpunkte zu identifizieren. Auf dieser Grundlage können im nächsten Schritt realistische und messbare Reduktionsziele definiert werden.
 
Praxisbeispiel Haustechnikbetrieb
Der Betrieb verfügt über zehn Firmenfahrzeuge, die überwiegend mit Diesel betrieben werden. Werkstatt und Lager werden mit Erdgas beheizt; der Strom wird über einen konventionellen Stromtarif bezogen. Eine erste THG-Bilanz zeigt, welche dieser Emissionsquellen besonders relevant sind und wo Maßnahmen zur Emissionsminderung vorrangig ansetzen können.

3. Kosten- und Investitionshotspots: Wo liegen die größten Hebel?

Die vorangegangenen Analysen liefern eine gute Grundlage, um die wesentlichsten Kostentreiber und Investitionspotenziale im Unternehmen zu bewerten. Besonders interessant sind Bereiche, in denen hohe Kosten, Emissionen oder Risiken zusammentreffen und durch Investitionen gleichzeitig reduziert werden können.
Dazu lohnt sich eine genauere Betrachtung folgender Daten:
  • Die größten Energie- und Betriebskosten (z. B. Strom, Wärme und Kraftstoffe)
  • größere geplante Ersatz- und Neuinvestitionen in den nächsten drei bis fünf Jahren (z. B. Fahrzeuge, Maschinen oder Gebäude)
  • Bereiche, in denen ohnehin anstehende Investitionen genutzt werden können, um Kosten, Emissionen oder Risiken langfristig zu reduzieren
Praxistipp: Berücksichtigen Sie nicht nur die Anschaffungskosten. Energieverbrauch, Wartung, mögliche Einsparungen und Fördermöglichkeiten können die Wirtschaftlichkeit einer Investition über ihre Nutzungsdauer wesentlich beeinflussen.
 
Ergebnis: Sie erhalten einen Überblick über wesentliche Kostentreiber- und Investitionspotenziale. Zusammen mit THG-Bilanz und Risikoanalyse entsteht damit eine fundierte Ausgangsbasis für die Definition konkreter Transformationsziele.
 
Praxisbeispiel Haustechnikbetrieb: Kraftstoffkosten für den Fuhrpark und Heizkosten für Werkstatt und Lager stellen relevante laufende Kosten dar. Gleichzeitig müssen in den kommenden Jahren mehrere Fahrzeuge ersetzt werden. Die anstehenden Ersatzinvestitionen bieten einen geeigneten Zeitpunkt, um zu prüfen, ob Elektrofahrzeuge unter Berücksichtigung von Anschaffung, Betriebskosten, Einsatzprofil und Ladeinfrastruktur eine wirtschaftliche und emissionsärmere Alternative darstellen.

4. Ableitung von Transformationszielen: Wo wollen wir hin?

Die Bestandaufnahme der Risiken und der Marktchancen, der Ressourcenverbräuche und der relevantesten Investitionspotenziale liefert die Datengrundlage für eine realistische, individuelle und gut messbare Zielsetzung.
Empfehlungen zur Zielformulierung:
  • Zeithorizonte festlegen: Kurz-, mittel- und langfristige Ziele (z. B. ein, drei und fünf Jahre) definieren und aufeinander abstimmen.
  • SMART formulieren: Ziele möglichst spezifisch, messbar, attraktiv/akzeptiert, realistisch und terminiert formulieren.
  • Strategie ausrichten: Investitionen, Maßnahmen und Ressourcen konsequent an den definierten Transformationszielen ausrichten.
  • Fortschritt überprüfen: Zielerreichung regelmäßig anhand geeigneter Kennzahlen prüfen und den eingeschlagenen Pfad bei veränderten Rahmenbedingungen oder neuen Erkenntnissen anpassen.
Praxisbeispiel Haustechnikbetrieb:
Ausgehend von den identifizierten Transformationsrisiken und Chancen sowie den zentralen Erkenntnissen der Treibhausgasbilanzierung (s. oben), leitet der Haustechnikbetrieb u.a. folgende kurz, mittel und langfristigen Ziele ab. 
 
SMART-Ziele zur Risikominimierung und Ressourceneinsparung:
Jahr eins – erste Maßnahmen umsetzen
  • Energie- und Kraftstoffverbrauch in Fuhrpark und eigenen Gebäuden gegenüber dem Basisjahr um 5 % reduzieren
  • Für die drei kritischsten Materialien bzw. Komponenten jeweils mindestens eine alternative Bezugsquelle identifizieren
  • Für die priorisierten physischen Risiken, insbesondere Hitze und Extremwetter, konkrete Schutz- und Anpassungsmaßnahmen festlegen und alle Büroarbeitsplätze mit Außenjalousien und solarbetriebenen Luftkühlern ausstatten
Jahr drei – Transformation vorantreiben
  • Scope-1- und Scope-2-Emissionen gegenüber dem Basisjahr um 15 % reduzieren
  • Mindestens 80 % der technischen Mitarbeitenden für die priorisierten klimaschonenden Produkte qualifizieren und diese fest im Leistungsangebot verankern
  • Für alle als kritisch eingestuften Materialien und Komponenten mindestens eine alternative Bezugsquelle vorhalten
Jahr fünf – Unternehmen zukunftsfähig ausrichten
  • Scope-1- und Scope-2-Emissionen gegenüber dem Basisjahr um 30 % reduzieren und den Einbau reversibler Wärmepumpen prüfen
  • Mindestens 60 % des Umsatzes mit definierten energieeffizienten bzw. emissionsarmen Gebäudelösungen erzielen
  • Für 100 % der hoch priorisierten physischen Standortrisiken sind konkrete Schutzmaßnahmen, Verantwortlichkeiten und Handlungsabläufe definiert und umgesetzt; deren Wirksamkeit wird mindestens einmal jährlich überprüft
 
 

Praxistipp: Sowohl die Erstellung eines Transformationsplans als auch einzelne Investitionsmaßnahmen können unter bestimmten Voraussetzungen förderfähig sein. Förderprogramme stellen dabei häufig spezifische Anforderungen an Ziele, Einsparpotenziale oder die Ausgestaltung der geplanten Maßnahmen. Es empfiehlt sich daher, geeignete Förderprogramme und deren Anforderungen bereits bei der Entwicklung des Zielbilds zu prüfen.


Unterstützungsangebote

ResilienzCheck für Unternehmen

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GIS-ImmoRisk Tool

Das kostenlose GIS-ImmoRisk Tool des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung unterstützt Sie bei der Analyse von Standortrisiken durch Naturgefahren. 

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Die Klimawirkungs – und Risikoanalyse des Umweltbundesamts zeigt für verschiedene Branchen, welche Klimarisiken heute und künftig relevant sind und als wie hoch sie eingeschätzt werden. 

Nachhaltigkeitscheck 360°

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